Hand aufs Herz, wie oft passiert es, daß man Musik hört, die man so oder ähnlich noch nie zu Ohren bekommen hat, und sich trotzdem sofort vertraut mit ihr fühlt? An dieser Stelle sind lange verbale Ein- und Herleitungen absolut verzichtbar, denn die Songs von The Unseen Guest sprechen für sich. Sie breiten sich so schnell über die Trommelfelle auf die Blut- und Nervenbahnen und von dort auf den ganzen Körper aus, daß es schwer fällt zu begreifen, was da genau passiert. Man verliert sich und spürt nichts als das Verlangen, weiter, immer nur weiter zu hören.
The Unseen Guest ist die gemeinsame Band des Inders Amith Narayan und Declan Murray. Sie lernten einander über einen Londoner Freund kennen. Amith arbeitete gerade in Bombay, Declan hielt sich in Goa auf und gemeinsam trafen sich alle drei in Amiths Heimatstadt Calicut. Diese Begegnung beeindruckte Amith so stark, das er Declan ein Jahr später per e-mail fragte, was er gerade machen würde. Als dieser antwortete, er habe gerade nichts bestimmtes zu tun, kündigte Amith kurz entschlossen seinen Job, buchte ein Studio und lud Declan ein. Die beiden Musiker vergaßen auf Anhieb alles, was sie zuvor getan hatten und begannen zusammen zu spielen. Genuiner und organischer kann sich Musik kaum entfalten.
Das Ergebnis jener Sessions ist die CD „Out There“. Jede Melodie entwirft ihre eigene kleine Szenerie, jeder Song funktioniert wie ein Film. Keine zwei Stücke, die einander auch nur annähernd ähneln würden. Lauter wunderschöne, einzigartige Klangjuwelen, die gerade in ihrer Verschiedenartigkeit ein gemeinsames Ganzes bilden. „Es war uns wichtig, Songs zu schreiben, die sich stark voneinander unterscheiden, um von Song zu Song die Spannung nicht abflauen zu lassen“, erklärt Amith. Einzelne Tracks im Sinne einer Empfehlung aus dem Album herauszuheben, ist jedoch ganz und gar unmöglich, denn jeder Hörer wird seinen eigenen Lieblingssong haben bzw. immer gerade das Stück am meisten mögen, das er gerade hört. So wird der Hörer selbst der ungesehene Gast im Klangtheater von The Unseen Guest.
„Out There“ ist im reinsten und ursprünglichsten Sinne des Wortes indische Musik. Das irische Element kommt bestenfalls unterbewusst zum Tragen. Und doch haben diese zehn Songs nichts mit irgendwelchen Modellen indischer Musik zu tun, die wir kennen. The Unseen Guest berufen sich weder auf die zahlreichen Verquickungen von House, HipHop, Techno und Ambient mit indischer Musik, wie sie derzeit gerade in England erfolgreich zelebriert werden, noch auf meditative Endlos-Improvisationen, die von Ragas und ähnlichen traditionellen Formen abgeleitet werden. Sie schreiben ganz einfache Rocksongs und haben einen beinahe pragmatischen Ansatz der Umsetzung.
„Weil ich aus Indien komme“, so Amith, „weiß ich ziemlich gut, worauf man hier zugreifen kann. Unser Ausgangspunkt bestand darin, indische und westliche Musik anders zu kombinieren, als das bislang der Fall war. Normalerweise will man eine Art Fusion erzielen und ruft dafür Musiker zusammen, die nichts anderes gewohnt sind, als traditionelle indische Musik zu spielen. Wir suchten hingegen nach Musikern, die sich in unterschiedlichen Stilen auskennen. Einige unserer Musiker sammelten Erfahrungen mit Filmmusik in Bollywood, unsere Perkussionisten haben sogar selbst Soundtracks geschrieben und komplett eingespielt. Nachdem wir die richtigen Musiker hatten, ergab sich der Rest wie von selbst. Es war für uns ganz leicht, diese Musiker exakt das Hybrid spielen zu lassen, das wir vor Augen hatten, denn sie wussten intuitiv, worüber wir sprachen.“
Amith und Declan flüchten weder in eine imaginäre Vergangenheit noch in ein virtuelles Paralleluniversum, sondern ihre Songs spielen sich im Hier und Jetzt ab. Zunächst einmal verblüffen die Songs der Band dadurch, das sie einfach schön sind. „Schönheit“, meint Amith, „ist ein sehr abstrakter Begriff. Doch woher kommt diese Schönheit in unserer Musik? Ich komme aus Indien und Declan aus Irland. Ich habe verschiedenste Orte auf der Welt bereist und lebe heute in Singapur. Von all diesen Kulturen habe ich viel gelernt. Dieser Mix unterschiedlicher Kulturen ist für mich ein Synonym für Schönheit.“ Erst wenn man über dieses Gefühl von Erhabenheit hinaus hinter das spezielle Klanggeheimnis von The Unseen Guest zu dringen versucht, wird man gewahr, das sie vollständig auf elektrische Instrumente verzichten. Keine beschönigenden Keyboard-Sounds, keine elektronischen Beats, weder Samples noch studiotechnische Verfremdungen irgendwelcher Art. Im Gegenteil. „Es war eine ganz bewusste Entscheidung, ausschließlich akustische Instrumente zu benutzen. Wir entschieden uns für ein Studio, von dem wir wußten, daß es einen perfekten akustischen Sound umsetzen könnte. Speziell die Tablas benötigen eine ganz bestimmte Mikrofoneinstellung, die man nur höchst selten zu hören bekommt. Niemand spielt mehr diese reinen akustischen Sounds. Wir hingegen verwenden vokale Harmonien, die in einem elektrischen Kontext gar nicht funktionieren würden.“
Die Songs von The Unseen Guest klingen wie Collagen aus Erinnerungen. Obwohl kein Sound, keine Melodie, kein Feeling offen imitiert wird, funktioniert die Musik doch wie eine Kette von Déjà-vus. Nicht selten fühlt man sich auf die Schwelle zwischen Sechzigern und Siebzigern zurück versetzt, als Pop und Rock sich ganz zaghaft verschiedener Idiome unterschiedlichster Folkloren annäherten. Auch der eine oder andere frühe psychedelische Song von Pink Floyd mag in der Kombination von Gesang und akustischer Gitarre im Hintergrund unbewußt mitschwingen. „Wir wollten uns mit unserem Sound bewusst von der Gegenwart, selbst von den Neunzigern abgrenzen. Wir fühlen uns viel stärker Sounds verbunden, die schon dreißig Jahre oder älter sind. Allein der Verzicht auf elektronische Instrumente gibt uns schon einen altertümlichen Sound. Der Mix von unserem Songwriting und unserer Klangästhetik unterstützt diese Anmutung. Aber es war definitiv nicht unsere Absicht, Assoziationen an irgendwelche konkreten Bands der Vergangenheit herzustellen.“
The Unseen Guest entziehen sich bewusst jeder Begrifflichkeit. Jedes Mal, wenn man Sound und Image der Band festmachen zu können glaubt, wird man spätestens im nächsten Song scheitern. Und doch sind The Unseen Guest verblüffend eingängig und in jeder Lebenslage hörbar. Musiktechnokraten, Bürokraten und Statistiker haben ein schweres Spiel mit dieser CD, dem Hörer machen es Amith und Declan aber denkbar leicht, eine völlig neue Erfahrung mit unerhört vertrauten Klangen zu machen.
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